Ich hatte mit einem RA, der schon länger nicht mehr Notfallrettung fährt, ein Gespräch und meine Aussage war: "im. Injektion wird sowieso nicht so oft benutzt. Bei der Adrenalingabe bei Anaphylaxie ist sie aber mittel der Wahl."
Er meinte: "Das macht doch gar keinen Sinn. Bei der iv. Gabe ist die Wirkung viel besser steuerbar. Bei der im. Gabe weiß man ja gar nicht, wie viel und wie schnell was im Blut ankommt."
Ich habe ihm dann die SAA/BPR gezeigt und die haben ihm nicht ausgereicht, weil "das sind ja auch nur ein paar Köpfe, die sich zusammensetzen und das beschließen." (den Einwand finde ich durchaus legitim, in den SAA/BPR stehen tatsächlich manche komische Sachen drin)
Dann habe ich die Leitlinie dazu rausgesucht und darin steht:
Es zeigt, wenn intravenös oder intramuskulär verabreicht, den schnellsten Wirkungseintritt aller Anaphylaxie-Arzneimittel.
Seine Antwort: "Da haben wir's ja. Da wird ja auch iv. zuerst genannt. Das spricht ja für mich"
Ein Satz weiter steht aber:
Bei nicht reanimationspfichtigen Patient*innen ist die sofortige intramuskuläre Applikation einer Dosis von 0,15 bis 0,6 mg Adrenalin in die Außenseite des Oberschenkels die medikamentöse Terapie der ersten Wahl. Gegenüber der intravenösen Applikation ist das Risiko schwerer kardialer Nebenwirkungen erheblich geringer.
Als ich das vorgelesen habe, war er damit nicht einverstanden, mit dem Argument: "Ich vertraue lieber einem echtem Experiment und experimentell ist nachweisbar, dass bei iv. Applikation die Serumspiegel schneller ansteigen und besser steuerbar sind.
Ich hab genug Leitlinien kommen und gehen sehen, deshalb glaube ich nicht einfach alles, was da drin steht. Das sind auch nur ein paar Hansel, die per Handzeichen abstimmen: so schreiben wir es in die Leitlinie. Geh mal raus und frag Erfahrene Notärzte, die werden dir sicher auch sagen, dass iv. besser steuerbar ist" (man muss dazu sagen, dass ich noch nicht so lange in der Notfallrettung tätig bin und noch keinen einzigen Anaphylaktischen Schock mit entsprechender Therapie gesehen habe und auch nicht die Meinung von anderen NAs kenne)
Zum Schluss ging es dann in einen persönlicher werdenden Ton: "Ich vertraue immer noch lieber der Logik, anstatt irgendwelchen Leuten die sagen "aber es steht in der Bibel" oder "aber es steht in der Leitlinie""
Ich finde, Wissenschaftler konsens mit der Bibel zu vergleichen mindestens ein manipulatives Mittel. Und nur die Argumente gelten zu lassen, die zur eigenen Auffassung passen auch nicht Sinnvoll. Ich habe auch nie behauptet, dass iv. schlechter steuerbar ist, sondern ich sage eben, dass iv. nicht den besseren Therapieerfolg bringt, aus den (in der Leitlinie) genannten Gründen.
Was meint ihr dazu? Was ist eine Sinnvolle Vorgehensweise um so eine Diskussion zu lösen? Sollte man einfach sagen: "Da haben wir einfach unterschiedliche Meinungen" und gut is?