r/ADHS 16d ago

[Crosspost r/science] ADHD misinformation on TikTok is shaping young adults’ perceptions. An analysis of the 100 most-viewed TikTok videos related to ADHD revealed that fewer than half the claims about symptoms actually align with clinical guidelines for diagnosing ADHD.

https://news.ubc.ca/2025/03/adhd-misinformation-on-tiktok/
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u/lizufyr 16d ago

Möchte jetzt mal einen Vergleich sehen, wie viele praktizierende Ärzt*innen (inkl. Psychiater*innen) ebenfalls an Mythen glauben, zum Nachteil ihrer Patient*innen.

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u/Ok_Kangaroo_1212 16d ago

Wenn man wenig Ahnung von einem bestimmten Spezialgebiet hat, tendieren selbst eigentliche Fachleute dazu, ihre Wissenslücken mit in der allgemein Bevölkerung vorhandenen Vorurteilen, zu füllen.

Das scheint wohl irgendwie in der menschlichen Natur verankert zu sein.

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u/Schmittfried 16d ago

Und tatsächlich schützt höhere Bildung auch nicht vor Verzerrungen wie dem confirmation bias. Den eigenen Ansichten widersprechende Fakten nimmt niemand gerne in sein Weltbild auf. 

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u/Conscious-Major1116 16d ago

Die Urlaubsvertretung meiner damaligen Ärztin meinte nach 2 Minuten zu mir, wenn es nach ihm ginge, würde er mir kein Rezept verschreiben, weil ich kein ADHS hätte. Er würde das nur machen, weil meine behandelnde Ärztin mich so therapiert. Zu dem Zeitpunkt war ich seit 3 Jahren in Behandlung. Eine andere Vertretung meine stumpf, ADHS gäbe es nicht. Habe beide meiner Ärztin gemeldet, seitdem haben die nie wieder Urlaubsvertretung gemacht.

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u/TheGoalkeeper 16d ago

Link zum Original Paper: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0319335

Übersetzer Newsartikel:

Die beliebtesten ADHS-bezogenen Inhalte auf TikTok stimmen oft nicht mit den Ansichten von Psychologen überein und beeinflussen möglicherweise die Wahrnehmung der Störung durch junge Erwachsene, wie eine neue Studie der University of British Columbia zeigt.

Eine Analyse der 100 meistgesehenen TikTok-Videos zum Thema Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ergab, dass weniger als die Hälfte der in diesen Videos gemachten Angaben zu Symptomen tatsächlich mit den klinischen Leitlinien zur Diagnose von ADHS übereinstimmen.

„TikTok kann ein unglaubliches Instrument sein, um das Bewusstsein zu schärfen und Stigmatisierung abzubauen, hat aber auch eine Schattenseite“, sagte Vasileia Karasavva, Hauptautorin der heute in PLOS One veröffentlichten Studie und Doktorandin der klinischen Psychologie. „Anekdoten und persönliche Erfahrungen sind aussagekräftig, aber ohne Kontext können sie zu Missverständnissen über ADHS und psychische Gesundheit im Allgemeinen führen.“

In den Videos teilten viele TikTok-Ersteller persönliche Erfahrungen, ohne darauf hinzuweisen, dass diese nicht unbedingt auf alle Menschen mit ADHS zutreffen und sogar bei Menschen ohne ADHS auftreten können. Dieser Mangel an Nuancen kann dazu führen, dass Zuschauer Symptome falsch interpretieren oder sich selbst eine falsche Diagnose stellen.

ADHS ist eine der häufigsten neurologischen Entwicklungsstörungen, die im Kindesalter diagnostiziert wird und oft bis ins Erwachsenenalter anhält. Sie ist gekennzeichnet durch Konzentrationsschwierigkeiten, Hyperaktivität und impulsives Verhalten. Schätzungsweise drei bis sieben Prozent der Erwachsenen weltweit sind davon betroffen .

Wie TikTok die Wahrnehmung beeinflusst Die Studie ergab, dass junge Erwachsene, je mehr ADHS-bezogene TikTok-Inhalte sie konsumieren, die Prävalenz und den Schweregrad von ADHS-Symptomen in der Gesamtbevölkerung umso eher überschätzen. Teilnehmer, die mehr dieser Inhalte sahen, empfahlen die Videos auch eher weiter – trotz der Unzuverlässigkeit der Informationen.

Die Forscher ließen zwei klinische Psychologen die 100 meistgesehenen TikTok-Videos unter dem Hashtag #ADHD auf Genauigkeit, Nuancen und Gesamtqualität bewerten. Anschließend wurden 843 Studierende zu ihren TikTok-Gewohnheiten befragt und gebeten, zehn Videos zu bewerten: die fünf am besten und die fünf am schlechtesten bewerteten von den Psychologen.

Die Ergebnisse zeigten einen deutlichen Unterschied in der Bewertung der Inhalte durch die einzelnen Gruppen:

Klinische Psychologen gaben den präziseren ADHS-Videos eine durchschnittliche Bewertung von 3,6 von fünf Punkten, während junge Erwachsene ihnen 2,8 gaben. Die am wenigsten zuverlässigen Videos bewerteten die Psychologen mit 1,1 von fünf Punkten. Junge Erwachsene bewerteten sie mit 2,3 deutlich besser. Dies lässt darauf schließen, dass Fehlinformationen möglicherweise unbemerkt durchsickern, ohne dass die meisten jungen Menschen dies bemerken.

Die Notwendigkeit professionellen Engagements in den sozialen Medien Klinische Psychologen und andere Fachkräfte für psychische Gesundheit könnten sich aktiver in TikTok-Diskussionen zum Thema ADHS einbringen, so die Forscher. Durch die Bereitstellung von fachkundigen Inhalten könnten sie dazu beitragen, Fehlinformationen entgegenzuwirken und jungen Menschen Zugang zu zuverlässigen Ressourcen zu ermöglichen.

„Manche junge Erwachsene nutzen TikTok aufgrund von Zugangsbarrieren oder negativen Erfahrungen mit Psychologen“, sagte Dr. Amori Mikami, Psychologieprofessorin an der UBC und Hauptautorin der Studie. „Es liegt auch in unserer Verantwortung, die Gleichstellungslücken bei der Frage zu schließen, wer einen Psychologen aufsuchen kann.“

Ein ausgewogener Ansatz für ADHS-Informationen Die Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen, wenn man eine ADHS-Diagnose in Erwägung zieht. TikTok kann zwar ein wertvolles Instrument für den Community-Aufbau sein, sollte aber evidenzbasierte Ressourcen nicht ersetzen. Die Forscher raten jungen Erwachsenen:

Vergleichen Sie TikTok-Informationen mit seriösen Quellen wie medizinischen Websites, Büchern und medizinischem Fachpersonal. Wenden Sie sich an Ärzte, Therapeuten oder die psychiatrischen Dienste der Universität, um sich zu ADHS und anderen Problemen beraten zu lassen. Überlegen Sie, ob Stress, Angst oder kognitive Überlastung zu den Schwierigkeiten beitragen könnten, bevor Sie davon ausgehen, dass Sie an ADHS leiden.

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u/Elastigirlwasbetter 16d ago

Ich denke da wird ein entscheidender Punkt außer acht gelassen: diagnostische Kriterien sind nicht eins zu eins deckungsgleich mit allem was Betroffene so erleben. Sie sind wichtig, um eine Abgrenzung zu schaffen, welche Hauptsymptome vorliegen sollten um eine Diagnose stellen zu können. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Nebensymptome oder Auswirkungen im Alltag geben kann, die diagnostisch nicht relevant sind, aber durchaus einen überwiegenden Großteil der ADHSler*innen betreffen.

Überreizung zu erleben ist z.B. kein diagnostisches Kriterium afaik, trotzdem wurde das bei mir auch in der Verhaltenstherapie mitgedacht. Anderes Beispiel: meine Neurologin meinte, dass viele weibliche Betroffene in der späten Lutealphase (also kurz vor der Blutung) etwas mehr Wirkstoff brauchen - klar, das macht Sinn, weil da der Stoffwechsel etwas höhertourig fährt. Man verbrennt in der Zeit auch 100-300kcal mehr. Trotzdem steht das nicht in irgendwelchen Leitlinien, weil Frauen in der Forschung eh chronisch unterrepräsentiert sind.

Das sind Erfahrungswerte, die durchaus ihre Berechtigung haben und mitgedacht werden sollten, auch wenn sie nicht im DSM5 stehen.

Edit: außerdem finde ich, dass Menschen, die sich in Tiktokvideos wiedererkennen und von den Tipps zur Alltagsgestaltung profitieren nicht dafür verurteilt werden sollten nur weil die Creator das als "Tipps für den Umgang mit ADHS" labeln. Das sind ja oft einfach Zeitmanagement/Kommunikation/Selbstwahrnehmungs-Tipps - die hat die ADHS-Therapie jetzt nicht für sich gepachtet. Und Selbstdiagnosen sind oft der erste Schritt auf dem Weg zur ärztlichen Diagnostik.

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u/DocRock089 15d ago

Ich denke da wird ein entscheidender Punkt außer acht gelassen: diagnostische Kriterien sind nicht eins zu eins deckungsgleich mit allem was Betroffene so erleben. Sie sind wichtig, um eine Abgrenzung zu schaffen, welche Hauptsymptome vorliegen sollten um eine Diagnose stellen zu können. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Nebensymptome oder Auswirkungen im Alltag geben kann, die diagnostisch nicht relevant sind, aber durchaus einen überwiegenden Großteil der ADHSler*innen betreffen.

Bin grundsätzlich bei Dir im Punkt: Diagnostische Kriterien vs. Alltagserleben. Letztlich sind die diagnostischen Kriterien ja oft der kleinste gemeinsame Nenner. Beim Thema "ich erkenne mich selbst, vielleicht sollte ich mal Diagnostik anstreben" bin ich ebenfalls vollkommen bei Dir.

Darüberhinaus ist aber halt leider eines der großen Probleme, die ich bei TikTok und Co sehe, dass sich in Punkto psychische Gesundheit, eben hier auch im ADHS-Aspekt, leider sehr viele selbsternannte "Experten" tummeln, die einen wilden Mix aus wissenschaftlichen Fakten, eigenen Interpretationen, Erleben und free-floating Meinungen präsentieren, ohne klar zu Kennzeichnen, was wissenschaftlicher Fakt ist, und wo die eigene Meinung beginnt, die ggf. auch von den etablierten Fakten abweicht.
Das kann man von Laien nicht erwarten, gleichzeitig trifft das natürlich leider auch auf eine Generation von digital natives, in der am Ende leider eine eher geringe Kompetenz vorherrscht, wenn es darum geht, inhaltliche Bewertungen einzuschätzen. Das machts halt nicht besser.

Das ist aber leider das klassische "unmoderierte Selbsthilfegruppe ohne Experten"-Thema, das es bei nahezu allen "medizinischen Problemen" gibt, und um das man halt leider auch nicht rumkommt.
Von daher finde ich solche Artikel wie den kommentierten auch sehr sehr sinnvoll, weil sie eben auf potentielle Abweichungen hinweisen, und hoffentlich den ein oder anderen erreichen, der sich ansonsten etwas verrennen würde.